KI-Plattform aufbauen: KI-Prinzipien, Vendor Lock-in und was Sie selbst bauen sollten

In meinen letzten beiden Beiträgen ging es darum, wie Sie pragmatisch mit KI starten und wie der Arbeitsalltag in einem vernetzten Unternehmen aussieht. Eine Frage blieb dabei offen: Wer steuert das Ganze, wenn aus drei KI-Anbindungen dreißig werden?
An dieser Stelle trennt sich in der Praxis Ordnung von Wildwuchs. Die Antwort ist eine KI-Plattform, also eine Steuerungsschicht zwischen Ihren Mitarbeitenden, den KI-Agenten und Ihren Systemen. Sie beginnt nicht mit Technik, sondern mit Prinzipien. Und sie entscheidet darüber, ob Sie in drei Jahren noch frei wählen können, mit welchem KI-Anbieter Sie arbeiten.
In diesem Beitrag zeige ich Ihnen, was eine KI-Plattform leistet, wie KI-Prinzipien sie steuern, welche Risiken ein Vendor Lock-in birgt und welche Teile sich selbst zu bauen lohnt.
1. Warum es eine Steuerungsschicht braucht
Solange ein Unternehmen ein KI-Tool mit zwei Anbindungen nutzt, reichen dessen Einstellungen. Doch die Zahl wächst schnell: Der Vertrieb bindet das CRM an, die IT SAP LeanIX, der Einkauf ein Lieferantenportal, und jede Abteilung probiert ein weiteres Tool aus. Ohne gemeinsame Steuerung passiert dann Folgendes:
- Niemand weiß mehr, welcher Agent auf welche Daten zugreift.
- Jede Abteilung hat eigene Regeln, eigene Lizenzen und eigene Verträge.
- Die Kosten steigen, ohne dass jemand sie einem Nutzen zuordnen kann.
- Ein Wechsel des Anbieters wird mit jeder Anbindung schwieriger.
Manche sprechen hier von KI-Infrastruktur. Den Begriff vermeide ich, weil viele dabei an Rechenzentren, Grafikchips und eigene Modelle denken. Das brauchen die wenigsten Unternehmen. Gemeint ist die Steuerungsschicht, und die nenne ich KI-Plattform.
2. Was eine KI-Plattform leistet
Eine KI-Plattform ist kein einzelnes Produkt, das man kauft. Sie besteht aus sieben Bausteinen, die sich meist aus vorhandenen Komponenten zusammensetzen lassen:
- Zentrale Anmeldung: Alle melden sich mit ihrem Firmenkonto an, und die Rechte folgen der Person. Dafür nutzen Sie die Benutzerverwaltung, die Sie bereits haben, etwa Microsoft Entra ID.
- Register der Anbindungen: Eine Positivliste aller geprüften MCP-Server, jeweils mit einem Verantwortlichen. Was nicht im Register steht, kann kein Agent aufrufen.
- Rechte pro Werkzeug: Festgelegt ist, was ein Agent in einem System darf, etwa im CRM lesen und Notizen anlegen, aber nichts löschen.
- Freigabestufen: Geregelt ist, welche Aktionen ein Mensch bestätigen muss, bevor sie wirksam werden.
- Protokoll und Überwachung: Jeder Zugriff wird aufgezeichnet, und Auffälligkeiten lösen eine Meldung aus.
- Modellzugang: Festgelegt ist, welche KI-Modelle für welche Daten erlaubt sind. Der Wechsel zu einem anderen Modell ist vorbereitet.
- Kostensteuerung: Es gibt Budgets pro Team und eine Übersicht, welcher Anwendungsfall welche Kosten verursacht.
Vieles davon bringen die Unternehmensversionen gängiger KI-Tools bereits mit. Ab einer gewissen Größe kommt eine zentrale Schaltstelle hinzu, die alle Zugriffe bündelt. Fachleute nennen sie AI-Gateway. Alle Agenten greifen über sie auf die Systeme zu, sodass Regeln und Protokolle an einer einzigen Stelle wirken. Wichtig ist nicht, alles sofort zu haben, sondern die Bausteine bewusst zu planen.
3. Am Anfang stehen KI-Prinzipien
Bevor ich mit einem Unternehmen über Werkzeuge spreche, klären wir die KI-Prinzipien. Sie sind der Kompass für alle späteren Entscheidungen: Welcher Anwendungsfall passt zu uns? Welche Daten dürfen in welches Werkzeug? Wer entscheidet im Zweifel?
Gute KI-Prinzipien passen auf eine Seite, und jedes Prinzip übersetzt sich direkt in eine Regel der Plattform:
- Der Mensch entscheidet: KI bereitet vor, Menschen verantworten das Ergebnis. In der Plattform wird daraus die Freigabestufe.
- Transparenz: Mitarbeitende und Kunden wissen, wo KI mitarbeitet. In der Plattform heißt das, KI-Inhalte zu kennzeichnen.
- Datensparsamkeit: KI bekommt nur die Daten, die sie für die Aufgabe braucht. Das setzen Leserechte und das Register um.
- Nachvollziehbarkeit: Jeder Schritt lässt sich im Nachhinein prüfen. Dafür sorgt das Protokoll.
- Klare Verantwortung: Jeder Anwendungsfall und jede Anbindung hat einen Verantwortlichen.
- Wahlfreiheit: Das Unternehmen setzt auf offene Standards und bleibt in der Lage, Anbieter und Modelle zu wechseln.
Praxis-Tipp: Prinzipien gemeinsam verabschieden
Erarbeiten Sie die Prinzipien mit Geschäftsführung, IT, Datenschutz und, falls vorhanden, dem Betriebsrat. Das kostet einen Workshop, erspart aber später viele Einzeldiskussionen. Prüfen Sie die Prinzipien einmal im Jahr, denn die Technik entwickelt sich schnell. Sie sind der Kern Ihrer Daten- und KI-Governance.
4. Vendor Lock-in: die unterschätzte Abhängigkeit
Von Vendor Lock-in spricht man, wenn ein Unternehmen so stark von einem Anbieter abhängt, dass ein Wechsel kaum noch möglich ist. Bei KI entsteht diese Abhängigkeit schneller als bei klassischer Software, weil sich der Markt so schnell bewegt. Fünf Risiken sehe ich dabei besonders:
- Preise und Lizenzmodelle ändern sich: Wer nicht wechseln kann, zahlt, was verlangt wird. Und die Preismodelle der KI-Anbieter ändern sich derzeit häufig.
- Modelle werden abgeschaltet: Ein Modell ist teils schon nach rund einem Jahr wieder vom Markt, oft mit nur wenigen Monaten Vorlauf. Jeder Ablauf, der darauf abgestimmt ist, muss dann neu getestet werden.
- Bedingungen ändern sich: Nutzungsbedingungen, etwa zur Verwendung Ihrer Daten, können sich ändern. Das betrifft Verträge ebenso wie Funktionen, auf die Sie sich verlassen.
- Verfügbarkeit hängt auch an der Politik: Im Juni 2026 musste Anthropic zwei gerade veröffentlichte Modelle auf Anordnung der US-Regierung für knapp drei Wochen für alle Kunden abschalten. Wer seine Abläufe fest auf ein bestimmtes Modell ausgerichtet hat, muss in so einem Fall kurzfristig umstellen.
- Gefangenes Wissen: Vorlagen, Anweisungen und Agenten, die nur im Format eines Anbieters existieren, lassen sich nicht mitnehmen. Ihre Arbeit steckt dann in der Plattform eines anderen.
Das heißt ausdrücklich nicht, dass Sie große US-Anbieter meiden sollten. Die leistungsfähigsten Modelle kommen heute von dort. Es heißt, dass Sie wechselfähig bleiben sollten.
Praxis-Tipp: Drei Fragen an jeden KI-Anbieter
Ich empfehle, jedem Anbieter vor der Entscheidung drei Fragen zu stellen. Erstens: Können wir unsere Daten, Vorlagen und Agenten vollständig exportieren? Zweitens: Unterstützt das Werkzeug offene Standards wie MCP, oder funktionieren Anbindungen nur im eigenen Ökosystem? Drittens: Können wir das Modell wechseln, ohne unsere Abläufe neu zu bauen? Wer alle drei Fragen mit Ja beantworten kann, ist ein guter Partner.
5. Was sich selbst zu bauen lohnt und was nicht
In meinem ersten Beitrag habe ich davon abgeraten, eine eigene KI zu bauen. Dabei bleibt es: Ein eigenes Sprachmodell oder einen selbst entwickelten Chatbot brauchen die wenigsten Unternehmen. Es gibt aber vier Dinge, die Sie selbst besitzen sollten, weil genau sie vor Lock-in schützen:
- Die Steuerungsschicht: Register, Rechte, Freigaben und Protokolle gehören Ihnen und nicht einem einzelnen KI-Tool. So können Sie ein Werkzeug austauschen, ohne die Regeln neu zu erfinden.
- Eigene MCP-Server für eigene Systeme: Die Anbindung an Ihr ERP oder Ihre Branchensoftware ist ein Wert für sich. Weil MCP ein offener Standard unter dem Dach der Linux Foundation ist, funktioniert sie mit jedem KI-Tool, das den Standard unterstützt.
- Ihr Wissen in eigener Ablage: Vorlagen, Anweisungen, Prozessbeschreibungen und Beispiele liegen in Ihrer eigenen Ablage, etwa in SharePoint, und nicht nur im Werkzeug eines Anbieters.
- Eigene Testfälle: Für jeden wichtigen Anwendungsfall gibt es eine Handvoll typischer Aufgaben mit erwarteten Ergebnissen. Damit prüfen Sie ein neues Modell in kurzer Zeit, statt bei jedem Wechsel bei null anzufangen.
Ein Beispiel: Ein Unternehmen bindet sein ERP über einen eigenen MCP-Server an. Heute nutzt es dafür ein bestimmtes KI-Tool, in zwei Jahren vielleicht ein anderes. Die Anbindung bleibt dieselbe und muss nicht neu gebaut werden.
Nicht selbst bauen sollten Sie dagegen das Modell, die Benutzeroberfläche, solange Standard-Tools passen, und Basisdienste wie die Benutzerverwaltung. Mein Grundsatz lautet: Kaufen Sie die Intelligenz, besitzen Sie die Anbindung.
6. So gehen Sie vor
Eine KI-Plattform entsteht nicht in einem Großprojekt. Ich gehe in vier Schritten vor:
- Prinzipien festlegen: in einem Workshop und auf einer Seite.
- Bestand aufnehmen: Welche KI-Tools und Anbindungen gibt es schon, auch inoffiziell? Ich erfasse KI-Anwendungen und Agenten dafür wie jede andere Anwendung in der Architekturlandkarte, zum Beispiel in SAP LeanIX.
- Bausteine aufsetzen: zuerst Anmeldung, Register, Freigaben und Protokoll, mit dem, was Ihre Werkzeuge schon mitbringen.
- Wechselfähigkeit prüfen: Einmal im Jahr laufen die wichtigsten Testfälle gegen ein zweites Modell. So wissen Sie jederzeit, wie schnell Sie wechseln könnten.
Häufige Fragen zur KI-Plattform
1. Braucht unser Unternehmen wirklich eine KI-Plattform?
Nicht vom ersten Tag an. Für den Start reichen die Verwaltungsfunktionen eines Business-Tarifs. Sobald mehrere Abteilungen eigene Anbindungen nutzen, lohnt sich die Planung der Steuerungsschicht.
2. Müssen wir mehrere KI-Anbieter parallel nutzen, um Lock-in zu vermeiden?
Nein. Ein Hauptanbieter ist völlig in Ordnung. Entscheidend ist, dass Sie wechseln könnten: offene Standards, eigenes Wissen, eigene Testfälle.
3. Wer sollte die KI-Prinzipien festlegen?
Die Geschäftsführung gemeinsam mit IT, Datenschutz und, falls vorhanden, dem Betriebsrat. KI-Prinzipien sind eine Führungsentscheidung und keine reine IT-Aufgabe.
Fazit: Kaufen Sie die Intelligenz, besitzen Sie die Anbindung
Eine KI-Plattform ist die Steuerungsschicht, die aus einzelnen Agenten ein geordnetes System macht. Sie beginnt mit wenigen klaren Prinzipien, setzt sie in Regeln für Rechte, Freigaben und Protokolle um und hält Ihr Unternehmen wechselfähig. Wer die Steuerung, die eigenen Anbindungen und sein Wissen selbst besitzt, kann die besten Modelle nutzen, ohne sich von einem Anbieter abhängig zu machen.
Sind Sie bereit, Ihre KI auf ein stabiles Fundament zu stellen?
- Legen Sie Ihre KI-Prinzipien fest, auf einer Seite und gemeinsam mit allen Beteiligten.
- Nehmen Sie Ihren Bestand auf: Welche KI-Tools und Anbindungen gibt es heute schon?
- Sichern Sie Ihre Wechselfähigkeit mit eigenen Anbindungen, eigener Ablage und eigenen Testfällen.
Wenn Sie dabei Unterstützung wünschen, lassen Sie es mich gerne wissen. Im Architektur-Klarheitsgespräch klären wir in 30 Minuten, wo Ihr Unternehmen heute steht und welche Bausteine Sie als Nächstes brauchen. Auf Wunsch erarbeite ich anschließend mit Ihnen die KI-Prinzipien und das Zielbild Ihrer KI-Plattform und führe die Umsetzung.

Herzlich willkommen auf meinem Blog!
Ich modernisiere IT-Systeme und führe Transformationen zum Erfolg.
Direkt, fokussiert, ohne unnötige Umwege.
Seit Jahren begleite ich Unternehmen bei IT-Systemintegration und -Transformation. Ich verstehe Technik aber vor allem verstehe ich die Menschen, die damit arbeiten.
IT-Projekte greifen massiv in bestehende Arbeitsweisen ein. Genau da scheitern sie oft. Meine Stärke? Ich kenne die Praxis.
Ich weiß, was wirklich gebraucht wird. Lassen Sie uns sprechen. Effiziente IT-Transformation beginnt hier.







